Stolpersteine warten darauf verlegt zu werden…

Eigentlich hätten die Stolpersteine für Familie Kaufmann am 10.11.2020 in Ziegenhain, in der Kasseler Straße 23/ 24, bereits verlegt werden sollen, die Aktion musste aufgrund der Corona-Maßnahmen leider auf 2021 verschoben werden. Angehörige aus Israel und den Niederlanden, die diesen besonderen Moment des Erinnerns miterleben wollten, müssen sich noch etwas gedulden. Initiiert und durchgeführt wird die Verlegung von der Gedenkstätte Trutzhain, der Stadt Ziegenhain und von Schüler*innen aus dem SG. Der Religionskurs 9 A/C hatte einen Beitrag über das Schicksal von Ruth, Lotte, Edith, Elisabeth Kaufmann und von Hans Rosenthal vorbereitet. Die Familie musste Ende der 30iger Jahre aus ihrem Zuhause in Ziegenhain fliehen; einige konnten sich nach Israel retten, andere, die in den Niederlanden Unterschlupf gefunden hatten, wurden später entdeckt, die meisten in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

Die ersten Stolpersteine wurden bereits 2004 in Schwalmstadt verlegt. Dies geschah aufgrund der Initiative von Dr. Bernsmeier, dem damaligen Schulleiter des SG und dessen Leistungskurs Geschichte. Seitdem fanden noch weitere Verlegungen statt, die auf das Schicksal der jüdischen Mitbürger*innen aus Treysa und Ziegenhain aufmerksam machen wollen. Schüler*innen des SG bereiten die Veranstaltungen sorgfältig vor, sie lernen auf diese Weise etwas über ihre Heimatgeschichte und können sich damit auseinandersetzen.

Obwohl wegen der Corona-Maßnahmen die Stolperstein – Verlegung und die im SG geplante Gesprächsrunde mit den Angehörigen verschoben werden musste, fand ein Zeitzeugengespräch über Zoom am 24.11.2020 statt.

Viele helfende Hände machten es möglich, dass dieses Gespräch im Musiksaal der Schule digital stattfinden konnte. Frau Meschede stellte den Kontakt zur Familie Kaufmann her und einen Teil ihres Recherchematerials zur Verfügung, Frau Dr. Sievers, Frau Kirchner und Herr Prätorius sorgten dafür, dass eine Verbindung nach Israel zustande kam. Zudem wurde das Gespräch von Herrn Prätorius aufgezeichnet und der Religionskurs von Frau Liebau – Holstein steuerte seinen Fragenkatalog bei.

Die Zeitzeugin Ruth Jutkowski, Enkelin von Sally Kaufmann und Tochter von Edith Kaufmann, beide gebürtig in Ziegenhain, beantworte viele offene Fragen zu ihrer Familiengeschichte und dem Leben in Israel damals und heute und sie sprach über ihre erste Reise nach Deutschland.

Einiges wussten wir schon, dass z.B. ihre Mutter Edith Schülerin des Schwalmgymnasiums war, das damals „Höhere Knaben- und Mädchenschule in Treysa“ genannt wurde. Vater und Mutter sind Ende der 30iger Jahre aus Deutschland geflohen. Anderes war neu und überraschend. Angesprochen auf ihre guten Deutschkenntnisse, antwortete Frau Jutkowski: „Meine Eltern waren Deutsche, ich bin mit dieser Sprache aufgewachsen. Zuhause redeten wir Deutsch, auf der Straße war das damals in Israel jedoch verboten“. Auch eine andere Aussage ist hängengeblieben. Frau Jutkowski bedauerte, dass sie nie Großeltern gehabt hätte, weil alle im Dritten Reich umgekommen seien. Erst1978, bei ihrem ersten Besuch in Ziegenhain, als sie vor dem Haus ihrer Großeltern in der Kasseler stand, habe sie zum ersten Mal das Wort „Großvater“ in den Mund genommen.

Im neuen Jahr 2021 werden die Stolpersteine zunächst in einer Vitrine im SG ausgestellt. Sie warten darauf, unter Beisein der Familie Kaufmann aus Israel und den Niederlanden, in der Kasseler Straße 23/ 24, in Ziegenhain, verlegt zu werden. Anschließend wollen wir das Zeitzeugengespräch fortsetzen und die persönliche Begegnung im Schwalmgymnasium nachholen.

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